Wenn du jemanden fragst, was ein Webdesigner eigentlich macht, bekommst du meistens eine dieser drei Antworten:
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„Du schiebst da so Buttons hin und her, oder?“
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„Du machst Webseiten… also so Wix-Baukasten, oder?“
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„Kannst du mal kurz meine Facebookseite schöner machen?“
Und während ich meinen dritten Kaffee schlürfe – denn ohne geht hier gar nichts – frage ich mich jedes Mal: Wie erkläre ich das jetzt, ohne dass es nach passiver Aggression klingt?
Darum lass uns heute einen kleinen Ausflug hinter die Kulissen machen. Ein humorvoller Blick in den Alltag eines Webdesigners, der eigentlich nur eins wollte: Webseiten bauen … und stattdessen in einem unendlichen Universum aus Chaos, Kreativität und Koffein lebt.
1. Der Morgen beginnt – und zwar mit einer mentalen Fehlermeldung
Der Tag startet nicht mit „Guten Morgen“, sondern mit:
„Warum ist die Webseite plötzlich kaputt, obwohl ich gestern nichts angefasst habe?!“
Ein Klassiker.
Du öffnest WordPress, und dir springt eine Fehlermeldung entgegen, die so aussieht, als hätte die Matrix kurz Schnupfen.
Also los: Kaffee Nummer zwei, Kopf schräg, Augen halb offen – und das große Diagnostizieren beginnt.
Server? Plugin? Elementor? Oder wieder der geheimnisvolle Nutzer mit Admin-Rechten, der „nur mal kurz geguckt“ hat?
2. Design ist nicht nur schön – Design ist Psychologie, Alchemie und Telepathie
Viele denken:
„Du suchst halt eine hübsche Farbe aus und dann baust du die Seite zusammen.“
Jupp. Wenn Farben einfach wären.
Du suchst nicht nur irgendein Blau.
Du suchst ein Blau, das Vertrauen signalisiert, nicht nach Versicherungsvertreter aussieht, nicht zu kalt wirkt, nicht nach 2011 schreit und gleichzeitig nicht dieselbe Farbe hat wie die 73 Konkurrenten in der gleichen Branche.
Und dann kommt der Kunde und sagt:
„Kann das Blau mehr nach Power aussehen?“
Kein Problem. Ich mische kurz Mut, Effizienz und ein bisschen Hoffnung rein.
3. Kundenwünsche – das wahre Abenteuer
Kunden sind toll. Ehrlich.
Aber manchmal sind sie wie Sidequests in einem Open-World-Game. Überraschend, verwirrend, aber irgendwie auch lustig.
Beispiel gefällig?
Kunde: „Ich will eine moderne Seite.“
Ich: „Okay, was stellst du dir vor?“
Kunde: „So wie Facebook… nur anders. Und mit Bewegung. Und in Gelb. Und kannst du ein Video einbauen, aber so, dass es nicht nach einem Video aussieht?“
Oder ein Klassiker:
„Kannst du das Logo größer machen? Einfach… überall?“
Natürlich kann ich.
Das Logo ist jetzt so groß, dass es von Google Maps aus sichtbar ist.
4. Content – oder: Warum ich Texte schreibe, obwohl ich es gar nicht wollte
Ich schwöre, ich wollte „nur“ Webdesigner sein.
Doch wie läuft es in der Realität?
Ich: „Hast du Texte für die Webseite?“
Kunde: „Nee, mach einfach irgendwas.“
Irgendwas.
Aus „irgendwas“ wird dann:
– eine Headline
– eine Unterzeile
– ein Abschnitt über Werte
– ein Abschnitt über Produkte
– ein Abschnitt über Dienstleistungen
– drei CTA-Varianten
– und eine Philosophie der Firma, die vorher nicht existiert hat
Kunde so: „Wow, das klingt ja voll professionell!“
Ja… ist so. Ist halt mein Job. Und Kaffee.
5. Technik – der heimliche Endgegner
Du willst eine Schrift einbinden.
Klingt simpel.
Aber nein, die Datei hat plötzlich Gefühle.
Der Browser versteht sie nicht, weil sie angeblich von einem fremden Planeten kommt.
CORS-Fehler, MIME-Typen, Cache-Geister – alles dabei.
Oder WordPress beschließt, dass heute ein guter Tag ist, um einfach mal nicht zu funktionieren.
Und Elementor so:
„Ich habe das Layout jetzt mal nach links geschoben. Einfach so. Gern geschehen.“
6. Die Wahrheit über Responsive Design
Klingt easy: „Mach die Seite so, dass sie auf Handys gut aussieht.“
In der Praxis bedeutet das:
– Version 1: Sieht gut aus.
– Version 2: Sieht gut aus.
– Version 3: Warum ist der Button plötzlich 3 Meter lang?
Dann testest du auf iPhone, Android, Tablet, 4K-Monitor, Kühlschrank-Display…
Und irgendwo ist immer etwas verrutscht.
Responsive Design ist wie ein Puzzle, bei dem jedes Teil jedes andere Teil beleidigt, sobald man es anfasst.
7. Wartezeiten – der zerstörerische Faktor
Kunde schickt Bilder.
Oder auch nicht.
Kunde schickt Untertitel.
Oder auch nicht.
Kunde schickt Texte.
Oder auch nicht.
Aber das Projekt soll bitte gestern fertig sein.
8. Der Designer-Alltag besteht aus 40 % Kaffee, 40 % Meetings und 20 % Existenzkrise
Meetings.
„Kurz abstimmen.“
„Nur mal schauen.“
„Können wir mal telefonieren?“
Und ich sitze da, mit meinem Kaffee und denke:
„Ich wollte doch einfach nur eine Box pixelgenau ausrichten…“
9. Debugging – oder wie ich täglich meine eigene geistige Stabilität infrage stelle
Wenn ich einen Fehler finde, der mich 2 Stunden gekostet hat, sieht das so aus:
– 10 Minuten: fachliche Analyse
– 1 Stunde: Verzweiflung
– 30 Minuten: Google + StackOverflow
– 10 Minuten: Selbstgespräche
– 5 Minuten: Kaffee
– 4 Minuten: Lösung finden
– 1 Minute: Triumph, der schnell wieder verfliegt, weil direkt das nächste Problem auftaucht
10. Und doch liebe ich es
Ja, ich beschwere mich.
Ja, ich fluche.
Ja, ich trinke zu viel Kaffee.
Ja, ich werde irgendwann ein nervöses Zucken im Auge haben, weil Elementor wieder etwas verschoben hat.
Aber am Ende – wenn die Seite live geht, der Kunde glücklich ist, und alles sauber, schnell und modern läuft – dann weiß ich:
„Genau das ist mein Ding.“
Webdesign ist nicht nur meine Arbeit.
Es ist mein Alltag, mein Humor, mein Chaos, meine Kreativität – und mein Kaffee.
Ich baue nicht nur Webseiten.
Ich baue digitale Erlebnisse.
Kleine, feine Kunstwerke für Menschen, die nach draußen strahlen wollen.
Und wenn die Leute sagen:
„Du schiebst doch nur Buttons“,
dann lächle ich, nippe an meinem Kaffee und denke:
„Wenn ihr wüsstet.“
Webdesign ist viel mehr als Pixel und Blöcke.
Es ist Psychologie, Technik, Kommunikation, Textarbeit, Kreativität, Problemlösen und Kaffee.
Viel Kaffee.